Beratung - Weiterbildung - Information für Interessenvertretungen

Künstliche Intelligenz sollte Werkzeug des Menschen sein, nicht umgekehrt

Fragen an Frank Strecker, TBS Berater und Experte für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Personalverwaltung

Frank, du bist als Jurist und IT-Spezialist bei der TBS NRW unter anderem Experte für den Einsatz von KI im Bereich Human Resources. Was meinst du: Kommen bald automatische Personalchefs, HR-Roboter? Was verändert Künstliche Intelligenz im Personalwesen?
Ein blecherner Aufpasser, der am Werkstor verspäteten Beschäftigten eine Abmahnung verpasst, ist Science Fiction. Sogenannte „starke“ künstliche Intelligenz – also ein System mit menschenähnlichen Fähigkeiten – ist nicht in Sicht. Aber KI-Systeme können auf betriebliche Daten zugreifen, und das hat Folgen. Nur ein Beispiel: In vielen Betrieben kommen Technologien zum Einsatz, die wiederkehrende Mitarbeiterfragen automatisch beantworten können, Stichwort: Siri oder Cortana. Das führt dann natürlich zum Stellenabbau in den Personalabteilungen.

Wie funktionieren überhaupt solche Systeme, und wie zuverlässig arbeiten sie?
Diese KI-Anwendungen sind in einigen Bereichen richtig leistungsfähig geworden, zum Beispiel bei der „Erkennung“ von Bildern oder Sprachaufzeichnungen. In der Regel sind sie aus einzelnen Komponenten aufgebaut, die bestimmte Dienste bereitstellen. Eines dieser Elemente verschriftlich beispielsweise das gesprochene Wort. Der nächste Dienst ermittelt die Bedeutung und entscheidet etwa die Frage, ob mit dem Wort „Maus“ ein Nagetier oder Computerzubehör gemeint ist. Weitere Komponenten suchen die passenden Informationen in Datenbanken. Andere Dienste formulieren grammatikalisch korrekte Antworten, und wiederum andere übersetzen die Informationen in verständliche Sprachlaute. Solche Systeme bestehen also aus ganz vielen Einzelfunktionen, die miteinander verbunden sind. Man kann sich diese Verbindung wie ein großes Mischpult vorstellen, das von IT-Spezialisten für die jeweilige Endanwendung eingeregelt wird. Die Vermenschlichung solcher Systeme und die Verniedlichung in Form des humanoiden Roboters „Pepper“ dient dazu, die Akzeptanz für diese Produkte zu erhöhen. Die KI-Systeme bauen auch hinter einer niedlichen Fassade vor allem auf Statistik.

Bisher haben wir nur über eine Form künstlicher Intelligenz gesprochen – über Spracherkennungs- und Informationssysteme à la Siri. Gibt es weitere Arten künstlicher Intelligenz?
Das ist eine gute Frage, denn manchmal wird der Begriff in sehr unscharfer Weise verwendet. So ist „KI“ ab und zu nur ein neues Etikett auf alten Kisten. IT-Systeme wurden schon lange als „intelligent“ bezeichnet, wenn sie irgendwie neuartig schienen. Aber diese Messlatte hat sich zwischenzeitlich immer weiter verschoben. Dann gibt es Systeme, die laufend mit Expertenwissen gefüttert werden. Diese liefern im Rahmen eines dialogischen Verfahrens gezielte Informationen, die für die Erledigung konkreter Aufgabenstellungen erforderlich sind. Da fällt zuweilen die Abgrenzung schwer, ob es sich hierbei noch um ein Softwaresystem oder eine Auslagerung von Funktionen an eine externe Fallbearbeitung handelt. Und schließlich sind die Systeme zu nennen, die weitgehend maschinell aus Daten lernen können. An die denken wir, wenn wir von „Künstlicher Intelligenz“ reden.

Treffen solche Maschinen auch Entscheidungen über Menschen?
Kommt ganz drauf an, was wir unter einer Entscheidung verstehen. Es gibt zum Beispiel Systeme, die Bewerbungen durchkämmen und nach bestimmten Kriterien sortieren – zum Beispiel danach, ob die Lebensläufe denen von Leuten ähneln, die bisher auf der ausgeschriebenen Position erfolgreich waren. Solch eine Erfolgs-Vorhersage basiert nur auf festgestellten Ähnlichkeiten, wobei ein IT-System nicht unbedingt bewerten kann, welche Faktoren wirklich zum Erfolg beigetragen haben. Aber dennoch bestimmt die Vorhersage des Systems, wer in die engere Auswahl kommt und zum Gespräch eingeladen wird. Amazon hat eine Zeit lang fast nur Männer eingestellt. Der Algorithmus hatte ihre Lebensläufe herausgesucht, weil die Belegschaft vorher fast nur aus Männern bestanden hatte. Es war wohl nicht beabsichtigt, dieses Kriterium als das entscheidende zu setzen, aber es war in den Daten „eingebacken“, und eine ganze Weile hat keiner etwas davon gemerkt.

Liegt der Grund darin, dass KI für uns wie ein schwarzer Kasten, eine „Black Box“ ist?
Mangelnde Transparenz kann zu Fehlentwicklungen führen. Aber zunächst neigen einfach Viele dazu, die Fähigkeiten der Technik zu überschätzen. KI beruht auf ausgewählten Daten der Vergangenheit, also auf „Vor-Urteilen“, wenn man so will. So eine Datenbasis kann auch mal unvollständig oder verzerrt sein. Anstatt zu denken: „Da wird schon was dran sein“ müssten wir vielleicht öfter sagen: „Oha, das will ich mir genauer ansehen“.

Worauf sollte eine betriebliche Interessenvertretung besonders achten?
Wichtig ist zu prüfen, welche Daten im Betrieb gesammelt und zusammengeführt werden. Zudem ist die Frage von Bedeutung, ob Systeme eingeführt werden, die
KI-Fähigkeiten mit sich bringen. Das kann auch über Updates passieren, z.B. bei Microsoft Office 365. Wenn der Arbeitgeber KI konkret im Betrieb einsetzen will, steht zuerst das „Was“ und „Wozu“ zur Diskussion – manche Entscheidungen über Menschen sollten eher gar nicht von Maschinen beeinflusst werden. Wenn es Einigkeit über das „ob“ gibt, geht es um eine weitreichende Beteiligung am „wie“. Beschäftigte und Interessenvertretungen brauchen bei der Ausgestaltung, Qualifizierung und Kontrolle maximale Beteiligung – zum Beispiel bei folgenden Aspekten:

  • Auswahl der Trainings und Testdaten,
  • Einbau von Feedback-Schleifen für sachkundige Kolleg*innen,
  • Schaffung maximaler Transparenz über Entscheidungswege,
  • Erweiterung von Spielräumen für die menschliche Entscheidung: Wenn man – bildlich gesprochen – KI-Systeme so programmiert, dass sie Ergebnisse nicht nach einem strengen Schwarz-Weiß-Schema liefern, sondern auch “Zwischentöne” zulassen, dann nimmt der Entscheidungs-Raum für den Menschen zu.

Kurz: Interessenvertretung sollte immer das Ziel verfolgen, dass die Technik Werkzeug des Menschen ist und nicht umgekehrt.


Sie wünschen mehr Informationen zum Thema? Melden sie sich einfach in der nächsten TBS-Regionalstelle oder nutzen sie unser Kontaktformular.

Regelmäßig Informationen zu unseren Angeboten erhalten: Newsletter abonnieren

Ansprechpartner/in

Frank Strecker

Frank Strecker

Regionalstelle Düsseldorf
Tel.:0211 / 17 93 10-19
Mobil:0173 / 668 98 72
E-Mail senden
Zum Profil

Seminare

Personal 4.0 mit SAP Succesfactors oder Workday HCM?
17.09.2020

SAP HANA-Migration - Welche Herausforderungen sind zu erwarten? 06.10.2020