Beratung - Weiterbildung - Information für Interessenvertretungen

Modellfall Soest

Psychische Belastungen müssen laut Arbeitsschutzgesetz erfasst und entsprechende Schutzmaßnahmen entwickelt werden. Die Kreisverwaltung Soest führt zurzeit eine entsprechende Gefährdungsbeurteilung durch. Der Modellfall zeigt, worauf Interessen­ver­tretungen hierbei achten sollten.

Die Kreisverwaltung Soest engagiert sich für die Gesundheit ihrer über 1.000 Beschäftigten und beteiligt hierbei regelmäßig die Interessenvertretung (siehe Statement des Personalratsvorsitzenden Peter Brinkmann). Neben Angeboten zur Gesundheitsförderung und einem funktionierenden betrieblichen Eingliederungs­ma­nagement ist die Beurteilung physikalischer Parameter, wie Lärm oder Licht, in den meisten Abteilungen schon seit Jahren regelmäßiger Bestandteil der Gesundheits­vorsorge. Im Jahr 2013 wurde zudem eine Gesundheitsmanagerin für die Koordination aller Aktivitäten zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingestellt.

Unterschiedliche Berufsgruppen, unterschiedliche Belastungen

Nun galt es, auch die psychischen Belastungen in den Blick zu nehmen, die sich in den letzten Jahren in einigen Abteilungen maßgeblich verändert haben. Der wesentliche Grund: Die Kreis­verwaltung unterliegt einem Sparzwang, die Personaldecke wurde zum Teil stark ausgedünnt. Das wirkt sich auf die Arbeits­be­dingungen in sehr differenzierter Form aus. So gibt es in der Kreisverwaltung sehr unterschiedliche Berufsgruppen – von den Verwaltungsangestellten über Sozialarbeiter bis hin zu den Mitarbeitern in Bauwesen und Rettungsdienst. Jede Berufsgruppe hat ihre ganz eigenen Belastungsmerkmale – aber auch Mög­lichkeiten.

Dienstherr und Personalrat arbeiten eng zusammen

Angesichts dieser Sachlage haben sowohl Dienstherr als auch Personalrat die Notwendigkeit erkannt, einen Prozess zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen in der Kreis­ver­waltung anzustoßen, und bekundeten, gemeinsam aktiv zu werden. Das ist der Grund, warum Kreisdirektor und der Personal­rats­vorsitzende im Steuerkreis eng zusammenarbeiten, dem zentralen Gremium für die Koordinierung aller Aktivitäten, dem zudem auch die Gesundheitsmanagerin, die Betriebsärztin und die Personalver­antwortlichen angehören.

Eine wichtige Prozessphase: die Strategieentwicklung

„Wir brauchten eine Strategie für die weitere Vorgehensweise“, so Gesundheitsmanagerin Frauke Weddeling. „Hierbei hat uns eine TBS-Beraterin tatkräftig unterstützt. Denn es gibt unterschiedliche Methoden der Gefährdungsbeurteilung. Aufgrund der Sachlage entschieden wir uns für eine flächendeckende Mitarbeiter­befragung gemäß COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Ques­tion­naire). Ein Instrument, das wissenschaftlich validiert und gut erprobt ist. Der Weg stellte hierbei an sich schon einen wichtigen Prozess dar, für den wir einige Monate gebraucht haben, ehe wir dann an die Befragung gehen konnten.“

Ergebnisse und Handlungsbedarfe

Die Ergebnisse der Befragung waren insgesamt vergleichbar mit denen anderer Verwaltungseinrichtungen und wirkten auf den ersten Blick durchaus positiv. Ein zweiter Blick in die Aus­wer­tung der einzelnen Abteilungen ließ viele unterschiedliche und sehr konkrete Handlungsbedarfe in einigen Bereichen erkennen. Häufig deckten sich die Befragungsergebnisse auch mit der Einschätzung des Steuerkreises.  Die Mitglieder des Gremiums beschlossen auf dieser Grundlage, Unterstützungsangebote zu unterbreiten. So werden in Kürze für zwei Abteilungen Gesundheitszirkel-Sitzungen durchgeführt, für die ca. 4 - 6 Termine pro Abteilung veranschlagt sind. Hierbei unterziehen die Teilnehmenden selbst die Ergebnisse einer genauen Betrachtung, beurteilen anschließend, welche Handlungsbedarfe aus ihrer Sicht bestehen, und diskutieren mögliche Lösungs­vorschläge. Der Steuer­kreis entscheidet dann gemeinsam mit den Führungsverant­wort­lichen über diese Lösungsvorschläge. Aufgrund der Datenlage sind weitere Gesundheitszirkel geplant. „Dieser Prozess wird“ so Frauke Weddeling, „bis zum Jahresende dau­ern – in Sachen Gesundheit muss man eben einen langen Atem ha­ben“. Zum Glück hat die Kreisverwaltung in ihr eine Person, die den Prozess im Auge behält, steuert und gegebenenfalls nachjustiert.

Wichtiger Erfolgsfaktor: Einbinden der Führungskräfte

Ein weiterer wichtiger Faktor, der zum Gelingen des Prozesses beitragen kann, ist die Einbindung und Aktivierung der Füh­rungs­kräfte. So wurden im Kreis Soest die jährlich stattfindenden Führungs­kräfte-Werkstätten in diesem Jahr dafür genutzt, über Chancen und Grenzen der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen zu informieren und die Handlungsmög­lich­keiten für Führungskräfte aufzuzeigen. Ziel ist es, dass die Führungskräfte in Abteilungen, für die der Steuerkreis keine Maßnahmen beschlossen hat, selbständig mit ihren Mitarbeitern die Ergebnisse der COPSOQ-Befragung auswerten und interpretieren – und gegebenenfalls Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbe­din­gungen ermitteln und umsetzen. Dies ist eine hohe Anforderung. Neben dem „Alltagsgeschäft“ einen „kontinuier­lichen Verbes­serungs­prozess“ einzuführen, braucht Zeit und Engagement auf beiden Seiten – bei den Führungskräften wie bei den Beschäf­tigten. In ihrer Broschüre mit dem Titel „Psychische Belastungen – Schritt für Schritt zum Erfolg“ hat die TBS NRW 13 Schritte zur wirksamen Verminderung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz aufgezeigt. Diese einzelnen Schritte wurden wiederum den drei Phasen „Orientieren“, „Strukturen schaffen“ und „Umsetzen“ zugeordnet. In diesem Sinne haben sich die Verantwortlichen der Kreis­verwaltung Soest zunächst orientiert und Strukturen geschaffen. Jetzt gehen sie in die Umsetzung.Wie die TBS NRW auch Sie bei der Planung und Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen unterstützen kann, sehen Sie im Info-Kasten.

Aus der Praxis

 

 

Peter Brinkmann,
Personalrats-
vorsitzender der
Kreisverwaltung in Soest


Das interne Gesundheitsmanagement der Kreisverwaltung Soest, heute BGM, startete am 1.10.2009. Die erste Stelleninhaberin der Koordinationsstelle BGM, Gabriele Hohmann, hat hier echte Aufbauarbeit geleistet. Bereits beim ersten Gesundheitstag, am 31.03.2011, wurde u. a. das Thema „psychische Belastungen am Arbeitsplatz“ thematisiert. Ein auf Grundlage des neuen Tarifvertrags geschaffener Gesundheitszirkel im Jugendamt brachte weitere wichtige Erkenntnisse. Seit 2013 setzt Frauke Weddeling die begonnene Arbeit auf dem Fundament der bisher geschaffenen Strukturen mit großem Engagement fort.

Vor diesem Hintergrund war die Analyse psychischer Belastungsfaktoren und die Ableitung von Maßnahmen der konsequente nächste Schritt. Hierbei prägt der Personalrat den Prozess entscheidend mit: Gemeinsam mit der stellvertretenden Personalratsvorsitzenden Eva Ewen nehme ich regelmäßig an den Steuerkreis-Sitzungen teil. Zudem waren wir an den Führungskräftewerkstätten beteiligt, haben die Auswahl des Fragebogens mitbestimmt und werden auch in Zukunft den Prozess aktiv begleiten und unterstützen. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen hat aus unserer Sicht ein enormes Potenzial bei der Optimierung der Arbeitsbedingungen. Vor allem der Umstand, dass die Beschäftigten hieran direkt beteiligt werden, wird einige Veränderungen und Verbesserungen in Gang setzen.

Seminare

Mit der Gefährdungsbeurteilung psych. Belastungen angehen
09.09. – 10.09.2014

Burn-out erkennen, verhindern, mit Betroffenen umgehen
29.09. – 30.09.2014

Psychische (Fehl-) Belastungen messen, aber wie?
Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen – Aufbauseminar 
04.11. – 05.11.2014

TBS-Broschüre

„Psychische Belastungen - Schritt für Schritt zum Erfolg“
Wie Interessenvertretungen das Thema Psychische Belastungen im Betrieb aufgreifen können

Die Broschüre bestellen oder kostenlos zum Download