Beratung - Weiterbildung - Information für Interessenvertretungen

Workday: Von der IT-Mitbestimmung zu Personal 4.0

aus der Praxis

Im Zuge der Integration eines Betriebes in einen weltweit agierenden Konzern stand auch die Einführung zahlreicher IT-Systeme auf der Agenda – darunter die global genutzte Personalmanage­ment-Software Workday. Der Betriebsrat, der hierbei aufgrund seiner Mitbestimmungsrechte involviert war, hat diese Prozesse zu­nächst als reines Software-Thema angesehen. Und so beauftragte er den IT-Ausschuss mit der Bear­bei­tung des Themas und fasste zudem den Beschluss, einen Sach­ver­ständigen der Technologie­bera­tungs­stelle beim DGB Nord­rhein-Westfalen (TBS NRW) hinzuzuziehen.

Im Zuge einer „Kreativhase“ stellte der Betriebsrat fest, dass mit Workday eine neue Art von Personalentwicklung und -ma­nage­ment Einzug ins Unternehmen hält, für die die Soft­ware lediglich als Plattform und als Werkzeug zur Umsetzung dient. Mit der Beratung durch die TBS wurde der gesamte Umfang der Möglichkeiten, die Workday bietet, umfassend bewusst. Mit einem Wort: Diese Projektphase hat zu der Erkenntnis geführt, dass der Betriebsrat auf das übergeordnete Projekt – die Ge­samtheit der Personalprozesse – blicken muss, ehe er sein Ein­ver­ständnis zur Einführung von Work­day erklären konnte.

Nur ein Beispiel für die Fragen, vor die sich der Betriebsrat gestellt sah: Impliziert der Umstand, dass die Bewertung des Talents an der unteren Grenze der außertariflichen Mitarbeiter aufhört, dass die Tarifmitarbeiter „talentlos“ sind und auch die Personalentwicklung wie auch Nachfolgeplanung an Füh­rungs­kräften im Tarifbereich vorbeigeht? Das Gremium ist zu der Meinung gekommen, dass auch die Tarifmitarbeiter in die Systeme einzubinden sind. Die Kenntnisse, Talente und Quali­fi­ka­tionen von allen Beschäftigten sollen die Chan­ce haben, von den Systemen erfasst und „gesehen“ zu werden.

Für die Bearbeitung der vielen Aspekte in Sachen Personal­manage­ment musste der Betriebsrat eine neue Strategie entwickeln. So wurde – nach zähen, hartnäckigen Verhandlungen – eine Prozess­verein­ba­rung getroffen, die die Prozessschritte, den Zeitplan und die Ver­fahrensmodalitäten festlegten. Denn aufgrund der Komplexität des Themas war es sinnvoll, verschiedene Themen parallel zu bearbeiten und Zug um Zug voran­zu­kommen. Zudem wurde festgelegt, wie häufig und in welcher Form die Einigungsstelle angerufen werden darf. Eine Pro­zess­vereinbarung, die beiden Parteien Vorteile bringt. Der Arbeit­geber hat eine klare zeitliche Perspektive und damit Pla­nungs­sicherheit. Die betriebliche Interessenvertretung hat einen er­höh­ten Einfluss auf Themen, die nach Gesetzeslage ur­sprüng­lich geringer bemessen sind.

Weitere Informationen zu  Workday – ein Personalinformationssystem mit weitreichenden Auswirkungen

Die Betriebsräte Lothar Steinwegs (links) und Hans Hirche von Venator am Standort Uerdingen (vormals Huntsman Uerdingen) mit ihrem Preis für innovative Betriebsrats-Arbeit

Deutscher Betriebsrätetag: Preis für innovative Betriebsratsarbeit an den Betriebsrat Venator Materials

Hans Hirche, Betriebsratsvorsitzender bei Venator Materials in Krefeld-Uerdingen

„Die Einführung von Workday hat für unseren Betriebsrat eine wichtige Erkenntnis gebracht: Es lohnt sich, die eigene Arbeit immer wieder zu hinterfragen, nichts als selbstverständlich zu nehmen und den Blick über den Tellerrand hinaus auszurichten. Denn dieser Aufwand kommt am Ende des Tages denen zugute, die wir vertreten: unseren Kolleginnen und Kollegen.

Konsequent querzudenken ist jedoch leichter gesagt als getan. Häufig bedarf es da eines Impulses von außen. Und es war die TBS NRW, die uns die Augen dafür geöffnet hat, dass es sich bei der Einführung von Workday nicht lediglich um ein IT-Thema handelt, sondern um eines, das die gesamte Personalplanung und -steuerung betrifft.

Durch die kontinuierliche Betreuung, die sich nicht nur inhaltlich, son­dern auch in punkto der Verfahrensfragen als äußerst sachkundig erwies, konnten wir trotz der zuweilen intensiven Ver­hand­lungs­phasen mit dem Arbeitgeber das Optimale für die Beleg­schaft herausholen.

Dies lag nicht zuletzt daran, dass wir durch die Ausweitung des IT-Themas zu einem umfassenden Thema rund um das Per­so­nal­ma­nagement Gestaltungsmöglichkeiten in die Hand bekamen, die im Betriebsverfassungsgesetz nicht vorgesehen waren. Eine wertvolle Erfahrung.“